Barrierefreiheit in Paderborn – ein Erfahrungsbericht

Zur Person

Dr. Jürgen Olschewski, Jahrgang 1959, war bis 2020 Kirchenjurist im Erzbischöflichen Generalvikariat. Seit ca. 15 Jahren leidet er an einer fortschreitenden Motoneuronenerkrankung. Wegen einer Tetraspastik ist er mehrmals schwer gestürzt. Seit 2016 ist er teilweise und seit 2020 voll erwerbsgemindert. Heute ist Jürgen Olschewski auf einen Rollstuhl angewiesen. Als sachkundiger Bürger arbeitet er in der Ratsfraktion der SPD in Paderborn mit.

Kontakt

E-Mail: dres.olschewski@nullt-online.de

https://spd-paderborn.de/stadtratsfraktion/dr-juergen-olschewski/

 

„Barrierefreiheit“ war für mich lange kein Thema. Im Gegensatz zu vielen, die mit ihren Handicaps, seit sie denken können, leben, bin ich „erst“ vor ca. 15 Jahren erkrankt. Die Erkrankung der Motoneuronen schreitet langsam voran, so dass ich erst noch ohne Hilfsmittel gehen konnte, dann einen Stock benötigte. Es folgten der Rollator und dann seit ca. 2 Jahren der Rollstuhl.

Ich spreche also vorrangig über „Barrierefreiheit“ aus der Sicht eines krankheitsbedingt zunehmend Gehbehinderten. Viele Menschen mit einem anderen Handicap würden im Hinblick auf ein barrierefreies Lebensumfeld andere Akzente setzen. Ich denke da auch an Familien mit Kinderwagen, die sich gleichermaßen schwer tun, z. B. mit Treppen in den Städten, an Bahnhöfen und mit Kopfsteinpflaster.

 

Barrieren – ständig neu erfahren

Mit einem Rollator musste ich schmerzlich erfahren, dass bereits das Öffnen einer Tür zu einem riskanten Manöver werden kann. Elektrische Türöffner sind selten, auch heute noch.

Bordsteine werden zu Hindernissen, Treppen sind nur mit Hilfe zu bewältigen.

Da ich in einem zentralen Bürogebäude arbeitete, habe ich das Kopfsteinpflaster und die Unebenheiten auf dem Großen Domplatz als Stolperfallen erlebt. Während der Libori-Woche wurden die verlegten Kabel zum Hindernislauf.

Ich musste feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Straßen an Fußwegen zu überqueren. Selbst an Zebrastreifen wird man schnell zum Verkehrshindernis, weil man eben seine Zeit braucht. Auch Ampelschaltungen sind auf „normales“ Gehen ausgelegt.

 

Barrierefreiheit in Paderborn heute – Veränderungen ja, bitte!

Ich erlebe, dass sich in den letzten Jahren in Paderborn vieles zum Guten verändert hat. Natürlich ist da noch Luft nach oben, aber ich bin Realist und weiß, dass gerade bauliche Veränderungen Zeit und Geld brauchen.

Eine überwältigende Erfahrung war für mich die Neugestaltung des Großen Domplatzes und des Marktplatzes – als Gehbehinderter schweige ich über den Kleinen Domplatz lieber.

u. a. die Arbeiten im Dom werden weitere Erleichterungen bringen und der Neubau der Stadtverwaltung wird viele Umwege für Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer und Familien mit Kinderwagen unnötig machen.

Leider sind noch immer nicht alle Museen in Paderborn barrierefrei zugänglich.

 

Barrierefrei unterwegs

Unsere Städte sind auf einen fließenden Autoverkehr ausgerichtet. Das ist so gewachsen und wird auch in absehbarer Zeit so bleiben. Menschen mit Handicap tun sich oft schwer, am Verkehrsgeschehen teilzunehmen.

Obwohl ich in meinem Leben nie Fahrradfahrer gewesen bin, bin ich inzwischen ein Befürworter des Ausbaus von Fahrradwegen, wo immer es möglich ist. Als Rollstuhlfahrer profitiere ich von den bodengleichen Absenkungen der Fahrradwege an Straßenkreuzungen. Dabei habe ich die interessante Erfahrung gemacht, dass ich mit Rollstuhl eher die Straße überqueren darf als mit Rollator.

 

Unverzichtbar für unterwegs

Seit ich Probleme mit Treppen habe, ist für mich die Wheelmap-App der SOZIALHELDEN e. V. Berlin unverzichtbar (https://wheelmap.org/search). In diese App können Nutzer Orte eintragen, die barrierefrei, bedingt barrierefrei oder nicht barrierefrei sind. Auch für Paderborn ist inzwischen eine ständig zunehmende Zahl an Orten eingetragen. Besonders wenn ich in ein Café oder ein Restaurant gehen will, schaue ich dort nach.

Den SOZIALHELDEN (https://sozialhelden.de/) ein großes Dankeschön für diese hervorragende Hilfe für alle Menschen mit einem Handicap!

Ein großes Defizit in unserer Gesellschaft sind aber die Toiletten für Rollstuhlfahrer. Wenn ich in der Wheelmap suche, finden sich nur wenige Einträge. Ich weiß, dass man „normalerweise“ nicht darauf achtet, aber ich kann nur alle ermuntern: Wenn ihr mal seht, dass in einem Restaurant, einer Kneipe, einem Geschäft usw. ein WC für Rollstuhlfahrer ist – tragt es bitte in die App ein. Es hilft!

 

Soziales Miteinander

Bei allen Handicaps ist ein waches soziales Miteinander gefordert. Ich habe immer hilfsbereite Menschen erlebt – na ja, fast immer –, wenn ich mit meinem Rollator irgendwo nicht hinein kam oder Mühe mit Treppen hatte. Je offensichtlicher ein Handicap ist, desto eher sind wir bereit zu helfen. Sensibler müssen wir bei verborgenen Handicaps werden. Ich zum Beispiel habe inzwischen krankheitsbedingt Probleme, mich klar zu artikulieren. Meine undeutliche Sprache führt dazu, dass meine Gesprächspartner leicht ungeduldig werden oder z. B. beim Einkaufen etwas unterstellen, was sie gemeint haben zu hören – ich aber nicht gesagt habe. Da würde ich mir ein Nachfragen wünschen, auch wenn viele Kunden warten.

Aber das betrifft genauso Menschen, die sich mit dem Lesen oder der deutschen Sprache schwertun. Ein waches soziales Miteinander fordert von uns, dies wahrzunehmen und hilfsbereit und auch geduldig zu sein.

Allen Menschen mit einem Handicap wünsche ich von Herzen Mut, Kraft und Gottes Segen!

Dr. Jürgen Olschewski